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Die neue Globalisierung (4 und Schluss): Finanzmärkte und eine gerechtere Globalisierung

6. Mai 2019

8. Globalisierung und Finanzmärkte
Mit der Handelsliberalisierung ging oftmals auch eine Liberalisierung der Kapitalmärkte einher. Auch dies war technologisch und politisch getrieben wie beim Handel. Durch die zur Verfügung stehende Technologie kann Kapital sich global bewegen, wenngleich zu große Offenheit der Märkte auch erhebliche Risiken birgt. So weist Joseph Stieglitz in seinem Buch „Die Schatten der Globalisierung“ daraufhin, dass die schwere Wirtschaftskrise in Asien zum Ende der 1990er Jahre durch zu große Offenheit der Währungsmärkte verschärft wurde.
Dem Thema Finanzmärkte könnte man eine eigene Veranstaltung widmen, ich möchte aber kurz darauf eingehen, weil es einen engen Kontext zur Globalisierung gibt.
Was ist die Aufgabe von Finanzmärkten? Grundsätzlich geht es darum, diejenigen zusammen zu bringen, die einerseits sparen und andererseits investieren wollen – sei es jemand der ein Haus baut oder ein Unternehmen eine Fabrik oder der Staat eine neue Schule. Vorhin hatte ich schon das Beispiel meiner Pensionskasse, dem Presseversorgungswerk, und dem Unternehmen in Brasilien genannt. Warum sollte sie dem Unternehmen Geld leihen? Nun, sie verspricht sich davon eine Rendite, um mir irgendwann mal eine private Rente auszuzahlen. Solche professionellen Anleger prüfen Renditen und Risiken und entscheiden sich für eine Anlage. Grundsätzlich ermöglichen Kapitalmärkte, dass Ersparnisse in die effizienteste Verwendung fließen.
Was heißt das für ein Land wie Brasilien? Wenn es oder seine Unternehmen für Investoren unter Berücksichtigung des Risikos attraktiv erscheinen, erhält es Kapitalzuflüsse. Damit können Investitionen in neue Fabriken oder in Infrastruktur finanziert werden, die Wirtschaft wächst und die in Brasilien steht mehr Einkommen zur Verfügung.
So weit so gut, aber die Anlage erfolgt auf Basis einer Risikobewertung. Kommt das Presseversorgungswerk (oder ein von ihr genutzter Fonds) aber zu dem Schluss, dass die Lage in Brasilien zu gefährlich ist, zieht sie sich aus der Finanzierung zurück. Das wird dann schnell Spekulation genannt, ist aber die Kehrseite dazu, dass ein Anleger bereit ist Risiken einzugehen. Auslöser für einen solchen Rückzug kann eine veränderte wirtschaftspolitische Lage sein.
Diese Problematik gilt insbesondere für die so genannten Schwellenländer, die häufig nicht genug inländische Ersparnisse haben um dadurch ihr Wirtschaftswachstum finanzieren zu können. So lange sie attraktiv erscheinen, erhalten sie Kapitalzuflüsse und können wachsen. Werden sie unattraktiv etwa wegen politischen Chaos oder steigender Rechtsunsicherheit, so fließt das Geld wieder ab.
Länder, die auf Kapitalzuflüsse angewiesen sind wie beispielsweise die Türkei oder Südafrika, sind dementsprechend anfällig in politisch unsicheren Zeiten. In der Türkei erleben wir das derzeit, wo die Wirtschaftspolitik unter Präsident Erdogan aus dem Ruder läuft, und dieser als Antwort darauf diejenigen beschimpft, die dem Land Geld leihen und damit seine Wirtschaft am Laufen halten.
Allerdings, und darauf hat Stieglitz in seinem Buch hingewiesen: Wenn die Kapitalmärkte zu offen sind, insbesondere im Währungshandel, dann steigt das Risiko, dass Kapitalabflüsse aus dem Ruder laufen und zu einer Krise führen. Der Grund dafür ist, dass dann tatsächlich spekulative Anleger einsteigen und versuchen von der Lage zu profitieren, ohne dass sie ursprünglich in Brasilien oder der Türkei investiert waren. Hier liegt dann ein spekulatives Agieren vor. Das kann ein Land ins Chaos stürzen, es kann aber auch eine disziplinierende Wirkung haben. Im Beispiel der Türkei hat sich nach solch einer Attacke die Geldpolitik verändert, zugunsten des Landes, aber zu Ungunsten des Präsidenten und seiner Freunde.

9. Stehen wir vor einem Ende der Globalisierung?
„America first“ war ein Slogan, mit dem Donald Trump die Wahl zum US-Präsidenten im Jahr 2016 gewann. Das ist eine klare Absage an internationale Zusammenarbeit auch in der Handelspolitik, wie sich auch an verschiedenen Blockaden der Welthandelsorganisation WTO durch die Trump-Administration zeigt.
Und die Mehrzahl der Briten glaubt fest daran, dass ihr Land auf sich allein gestellt bessere Konditionen in internationalen Verhandlungen herausschlagen kann als im Bund mit der EU als dem weltweit größten Wirtschaftsblock. Sicher, über den Brexit und insbesondere seine Verfechter kann man viel Häme ausgießen, aber auch er ist Ausdruck eines Trends, sich von der Globalisierung abzukehren.
Trump und der Brexit, aber auch nationalistische Bestrebungen in Ungarn oder Italien wollen ihre Länder aus der internationalen Zusammenarbeit herausziehen und denken, durch Abschottung sich vor negativen wirtschaftlichen Folgen der Globalisierung wie auch fremde kulturelle Einflüsse schützen zu können.
Steht die Globalisierung am Ende? Nun, der Welthandel wächst schon seit einigen Jahren immer langsamer, was ein Hinweis darauf sein könnte. Das ist einerseits Ausdruck einer schwächeren Weltwirtschaft, gerade Europa entwickelt sich seit der Finanzkrise schwach. Andererseits sinkt aber auch die Bereitschaft der Politik zu weiteren Handelsliberalisierungen. Das zeigt sich am Streit um das einst geplante transatlantische Handelsabkommen TTIP, bei dem es nicht nur um Chlorhühnchen ging. Weil es aber um Amerika ging, war dagegen gut zu mobilisieren, während die Handelsabkommen der EU mit Kanada und Japan ohne große öffentliche Auseinandersetzung beschlossen wurden.
Dennoch muss die Frage gestellt werden, ob die Globalisierung am Ende ist. Zuletzt habe ich dazu einige kulturpessimistische Texte gelesen, in der von einer Erschöpfung der Globalisierung die Rede ist. Es gibt auch ein Buch zum Thema, das ich aber noch nicht gelesen habe. Nun bin ich Ökonom, und aus meiner Perspektive gibt es kein Ende der Globalisierung im allgemeinen, wohl aber ein Ende der Globalisierung, wie wir sie in den vergangenen Jahrzehnten gesehen haben.
Dazu trägt auf akademischer und auch auf politischer Ebene die Erkenntnis bei, dass man es mit der Liberalisierung der Märkte und des Handels hier und da wohl ein wenig übertrieben hat, wenngleich Freihandel weiterhin als positiv betrachtet wird. Außerdem verändert sich die geopolitische Landschaft rasant durch den Aufstieg Chinas zur Weltmacht.
Die deutlichste Veränderung in der Globalisierung ist, dass die USA mit „Amerika first“ ihre wirtschaftliche Führungsrolle aufgegeben haben, die sie seit 1945 inne hatten. Zugleich gibt es aber einen starken Block der Freihändler mit der Europäischen Union und Japan im Zentrum. Und es gibt China, das immer stärker mitspielt in der Weltwirtschaft – und das auch zunehmend an Spielregeln mitwirkt und in seinem Sinne gestalten will.
Schließlich entwickelt sich Technologie weiter. Es gibt erste Hinweise, dass von dieser Seite her der Bedarf zur Globalisierung nachlassen könnte, denn einer ihrer wichtigen Treiber war ja die internationale Arbeitsteilung zur Steigerung der Produktivität. Digitalisierung oder Technologien wie der 3D-Druck könnten die internationale Arbeitsteilung in Teilen überflüssig machen. Ich kann das technisch nicht beurteilen, aber der Gedanke erscheint mir sinnvoll beobachtet zu werden.
Ob die Globalisierung ganz zum Stillstand kommen oder gar zurückgedreht werden könnte? Mir erscheint das nicht wünschenswert. Passiert es, so wäre dies wohl mehr die Konsequenz einer größeren Krise mit gravierenden Auswirkungen. Die Globalisierung um das Jahr 1900 brach mit dem Ersten Weltkrieg zusammen, wir wissen was darauf folgte.
Wie sähe eine Zukunft ohne Globalisierung aus?
Stellen wir uns vor, dass alle Länder „Amerika first“ verfolgen, also den eigenen Vorteil über alles stellen. Auf der ganzen Welt kann nicht jeder auf Kosten anderer seine Vorteile erzielen. Es würde Gewinner und Verlierer geben, und das in einem nationalistisch aufgeladenen Umfeld. Mag man sich lieber nicht vorstellen.
Und das Errichten von Zollschranken heißt immer: teurere und schlechtere Produkte und damit weniger Kaufkraft für jeden einzelnen. Denn zum einen werden die Zölle auf den Produktpreis aufgeschlagen und wirken damit wie eine zusätzliche Steuer. Zum anderen neigen Unternehmen auf abgeschottet nationalen Märkten zur Behäbigkeit, sie können mitunter zudem zusätzliche Monopolgewinne einfahren. Man stelle sich vor, es gäbe nur einen Anbieter für Smartphones in Deutschland, der nur in Deutschland produziert. Meine Prognose: teurer als ein iPhone und schlechter als das schlechteste auf dem Markt befindliche Smartphone.
Im Fall eines recht großen Landes wie Deutschland wäre Autarkie in einigen Bereichen vielleicht noch vorstellbar. Aber nehmen wir Länder wie Belgien oder Portugal: Stellen wir uns, in jedem Land würden Elektroautos entwickelt, was für eine Verschwendung von Ressourcen.
Bei denjenigen, die aus nationalen Gründen die Globalisierung zurückdrehen wollen, geht es aber um andere Motive. Es geht ihnen, ich sagte es bereits, um nationale Identitäten und Abschottung gegen alles irgendwie Fremde und andersartige. Es wird ein Wir gegen Die propagiert, in dem das Individuum keine Rolle mehr spielt. Möge jeder prüfen, ob er in solch einer Volksgemeinschaft leben möchte.

10. Globalisierung gerechter gestalten
Ich möchte es nicht, aber genug der Schwarzmalerei. Ich möchte abschließend ein paar Gedanken zu einer gerechteren Globalisierung skizzieren. Es geht dabei darum, die Vorteile der Globalisierung zu sichern, und es geht nicht nur um materielle Fragen. Vereinfacht gesagt: Wer miteinander handelt, schießt nicht so schnell aufeinander.
Bleiben wir aber beim Begriff der Freiheit. Der Politikwissenschaftler Andreas Herberg-Rothe schreibt, dass der Gegensatz zwischen Freiheit und Gleichheit durch Gerechtigkeit aufgelöst werden kann. Da wir ja alle wünschen, dass es gerecht zugeht, ist zu fragen, was auch ökonomischer Sicht gerecht ist. Grundsätzlich gilt nach Aristoteles etwas als gerecht, wenn Gleiches gleich behandelt wird. Sollen also alle jeden Monat den gleichen Betrag aufs Konto überwiesen bekommen?
In der ökonomischen Gerechtigkeitsdiskussion geht es vor allem um Einkommensverteilung, Preise, Löhne und Besteuerung. An zentraler Stelle steht aber die Einkommensverteilung, für die grundsätzlich zwei Prinzipien möglich sind: Leistungsprinzip oder Bedarfsprinzip. Beim Leistungsprinzip erhält jeder seinen Anteil am von ihm mitgeschaffenen Produktionswert. Die Verteilung kann durch den Markt, staatliche Eingriffe in den Markt oder eine zentrale Planungsinstanz erfolgen. Hierbei geht allerdings der leer aus, der nichts zur Wertschöpfung beiträgt – aber trotzdem einen Bedarf nach mindestens lebenserhaltenden Gütern und Dienstleistungen hat. Hier greift das Bedarfsprinzip, dass letztlich darauf abzielt, dass alle Menschen den gleichen Nutzen haben. Wie auch immer solcher Nutzen zu messen ist, bedeutet das Bedarfsprinzip nicht, dass alle denselben Betrag pro Monat auf ihr Konto überwiesen bekommen. Denn der gleiche Geldbetrag schafft nicht allen Menschen den gleichen Nutzen.
Festzuhalten bleibt, dass die Überbetonung des Bedarfsprinzips Leistungsanreize vermindert und es folglich nicht genug Güter gibt, um den Bedarf anderer zu decken.
Wirtschaftspolitik agiert daher immer im Spannungsfeld von Leistungs- und Bedarfsprinzip. Die Kunst ist es, Leistungsanreize zu setzen und gleichzeitig den Bedürfnissen der Menschen gerecht zu werden.
Folglich bedeutet Gerechtigkeit, dass es Ungleichheiten geben kann. Diese These formulierte der Philosoph John Rawls zu Beginn der 1970er-Jahre in seiner Theory of Justice, einer Theorie der Gerechtigkeit. Zunächst gilt bei Rawls das Prinzip der Chancengleichheit: Alle Menschen müssen einen gleichen Katalog von Rechten besitzen. Zweites gilt das Differenzprinzip: Ungleichheiten innerhalb einer Gesellschaft müssen sich zum Nutzen der am meisten Benachteiligten (der Ärmsten) auswirken.
Vieles von Rawls Überlegungen findet sich im Übrigen in der EKD-Wirtschaftsdenkschrift „Gemeinwohl und Eigennutz“ von 1991 wieder.
Bewertet man die Globalisierung nach Rawls Philosophie, so dient sie eindeutig einem steigenden Maß an Gerechtigkeit.
Definiert man Gleichheit nicht als materielle Gleichheit im Sinne eines gleichen Monatseinkommens, sondern als Chancengleichheit, so kann man feststellen, dass durch die Globalisierung mehr Menschen eine Chance zur Partizipation am Weltmarkt und damit für ein besseres Leben haben.
Rawls zweites Kriterium sieht vor, dass die Reichen reicher werden dürfen, wenn davon auch die Ärmsten profitieren. Für die Einkommensverteilung in Zeiten wirtschaftlichen Wachstums uns insbesondere in Entwicklungsprozessen ist dies ein wichtiges Argument.
Mit Blick auf die Globalisierung geht es also darum, deren Verlierer auf Kosten der Gewinner zu entschädigen. Es geht einerseits um Einkommensumverteilung auch auf nationaler Ebene, in der Regel durch die Steuerpolitik, aber etwa durch soziale Sicherheit. Es geht um Rechtssicherheit und gute Regierungsführung. Und es geht im Sinne Rawls um die Schaffung von Zugangschancen, also um Infrastruktur, und vor allem um Bildung, Bildung und Bildung.
[Zu Teil 3]

Stefan Schaaf, April/Mai 2019

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