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Die neue Globalisierung – Und warum wir nicht vor ihrem Ende stehen (Teil 2)

25. April 2019

Dies ist der zweite Teil meines Vortrages zur Frage, ob die Globalisierung vor dem Ende steht. Meine Antwort. Es gibt eine neue Globalisierung. Hier geht es also weiter mit meinem Vortrag in der ESG Greifswald am 15. April 2019, diesmal mit Auslösern und Wirkungen der Globalisierung.

  1. Auslöser der Globalisierung

Wie eben schon angerissen, hat das Phänomen Globalisierung nach dem Zweiten Weltkrieg und nach dem Fall der Mauer zwei Schübe bekommen. Dazu trugen wissenschaftliche Erkenntnisse, politisch-ideologische Tendenzen und technologische Entwicklungen gleichermaßen bei.

Der Prozess, den wir seit rund 25 Jahren als Globalisierung bezeichnen, begann nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Erfahrung der Weltwirtschaftskrise der frühen 1930er-Jahre. Sie hatte sich verschärft, weil viele Staaten sich wirtschaftlich abgeschottet hatten – man nennt dies Autarkie-Streben. Ausgeprägt war das in Deutschland, wo die Nazis die Selbstversorgung zur Ideologie machten. Wo ich herkomme, versuchte man in der Rhön in Höhenlagen auf Biegen und Brechen Landwirtschaft zu betreiben, obwohl das Klima nicht geeignet ist. Man hätte die Leute besser Maschinen für den Weltmarkt bauen lassen sollen und Getreide in Argentinien oder Russland kaufen sollen, wo es gute Anbaubedingungen gibt.

Aber auch andere Länder zogen sich aus dem Welthandel zurück. Damit gingen die genannten Vorteile der internationalen Arbeitsteilung verloren und der Wohlstand sank oder stagnierte. Aus dieser Erfahrung heraus wurde nach dem Zweiten Weltkrieg der Freihandel gefördert, einerseits durch internationale Abkommen wie das Gatt, dem Vorläufer der Welthandelsorganisation WTO, und andererseits in Europa durch die europäische Einigung.

Bis in die 1980er-Jahre hinein ging es allerdings vornehmlich um Freihandel, das heißt um die Beseitigung von Zollschranken wie etwa  in der EU.

Einen weiteren Schub hat die Globalisierung – den Begriff gibt es etwa seit Mitte der 1990er Jahre – saus zwei Richtungen bekommen: technologisch und wirtschaftstheoretisch, man mag auch ideologisch sagen, und damit wirtschaftspolitisch.

  1. technologischer Schub:

Fortschritte in der Mikroelektronik, Telekommunikation und der Informationstechnologie haben insbesondere den Fluss von Kapital deutlich vereinfacht und beschleunigt. Das fing mit dem Fax in den 1980er Jahren an und geht weiter bis zum Hochgeschwindigkeitsinternet und den dadurch möglichen Austausch großer Datenmengen quasi in Echtzeit.

Schließlich ist aber auch der Warentransport deutlich günstiger geworden, man denke nur an all das eingeflogene Obst und Gemüse. Das ist übrigens keine neue Entwicklung. Transportkosten sinken seit langer Zeit kontinuierlich, wahrscheinlich schon seit der Zeit der Hanse. Die Entwicklung hat sich aber offenbar in den vergangenen Jahrzehnten beschleunigt und damit den Handel vereinfacht.

  1. wirtschaftstheoretischer und –politischer Schub:

In den 1970er-Jahren gab es eine Wende im wirtschaftstheoretischen Denken weg von staatlicher Intervention (Keynesianismus) hin zu mehr Markt. Auslöser waren steigende Inflation und Arbeitslosigkeit (Stagflation) als Folge von steigender Staatsverschuldung und der beiden Ölpreisschocks von 1973 und 1979.

Man besann sich vor diesem Hintergrund wieder auf klassische ökonomische Positionen, von denen man mehr wirtschaftliche Prosperität erwartete. Märkte sollten liberalisiert werden, das heißt von staatlichen Eingriffen befreit werden. Das Merkmal liberaler Wirtschaftspolitik ist daher die Idee des jedermann zugänglichen Marktes, der eine freie und effiziente Koordination der Einzelinteressen auf allen Gebieten individueller Selbstverwirklichung ermöglichen soll. Mit anderen Worten, es geht um das Zurückdrängen staatlicher Eingriffe, die aus Sicht dieser Denkschule zu Bürokratisierung und Unfreiheit führen und damit Anreize für wirtschaftliche Aktivität behindern.

Folglich wurden im internationalen Rahmen die Güter- und Kapitalmärkte liberalisiert. Internationale Arbeitsteilung, so die Auffassung, schafft mehr Wohlstand, weil jeder sich auf das konzentriert, was er relativ gesehen am Besten kann.

Dieses neue Denken erhielt den Namen Neoliberalismus; ein Begriff, der inzwischen zum politischen Kampfbegriff wurde und unter dem so manches subsumiert wird, was nicht an diese Stelle gehört.

Die beiden aufgezeigten parallelen Entwicklungen – Technik und Wirtschaftstheorie – führten dazu, dass nicht mehr nur nationale Volkswirtschaften miteinander handelten, sondern zunehmend zu einer Welt-Volkswirtschaft verschmelzen. Dies bedeutet aber auch, dass nationale Politik zunehmend an Handlungsfähigkeit auf dem Feld der Wirtschaftspolitik verliert und dass ganze Staaten oder Regionen in einen Standortwettbewerb um Investitionen und Talente miteinander stehen.

  1. Wirkung der Globalisierung

Als wichtigster Indikator für die Globalisierung gilt das weltweite Handelsvolumen. Es wächst seit dem Zweiten Weltkrieg kontinuierlich an, abgesehen von Phasen einer Rezession oder der globalen Finanzkrise. Unterstellt man, dass durch die Spezialisierung die Ressourcen besser genutzt werden können, so ist das gestiegene Welthandelsvolumen Ausdruck eines gestiegenen Weltwohlstandes. Und Daten zeigen, dass im globalen Maßstab das Einkommen insgesamt aber auch pro Kopf anstieg. Und es gab erhebliche Fortschritte bei der Bekämpfung der Armut, auch wenn wir es teilweise anders wahrnehmen.

„Der Welt ging es noch nie so gut“, sagt Dieter Nuhr, der faktenbasierte Comedy gegen  Weltuntergangsraunen macht.

Geht es um die Wirkung der Globalisierung, so muss man zwischen reichen und armen Staaten unterscheiden, wenn man auf Ebene der Staaten schaut. Staaten wie Deutschland oder Japan als exportorientierte Industrieländer haben stark vom wachsenden Welthandel profitiert. In anderen Ländern fällt die Bilanz gemischt aus, insbesondere weil die Industrie dort im globalen Maßstab nicht wettbewerbsfähig war.

Und die armen Länder? Hier gibt es auch zwei Gruppen: solche, die den Anschluss an mehr Wohlstand geschafft haben, und solche, die ihn bislang kaum oder gar nicht geschafft haben.

Globalisierung, so die Argumentation ihrer Kritiker, macht die Armen ärmer und die Reichen reicher. Das ist richtig und falsch gleichermaßen. Wie bereits erwähnt, findet Globalisierung vor allem zwischen den reichen Industriestaaten und China statt. In den armen Ländern, früher auch als Dritte Welt bezeichnet, sind diejenigen Länder zu mehr Wohlstand gekommen, die sich in den Weltmarkt integriert haben – und die sich in den Weltmarkt integrieren konnten. Das gilt insbesondere für China, wo vor einigen Jahrzehnten noch Menschen verhungert sind, und das in den kommenden Jahren die USA voraussichtlich als größte Wirtschaftsmacht überholen wird. Man spricht von Schwellenländern, die der Armut Dank Globalisierung entkommen sind und an der Schwelle zu den Industrieländern stehen oder dies bereits sind. Dies gilt vor allem für asiatische Staaten wie Südkorea, Thailand und Malaysia oder in Südamerika für Chile, an dessen erfolgreicher Wirtschaftspolitik allerdings das Blut der Pinochet-Diktatur klebt. Osteuropa befindet sich zwischen diesen Schwellenländern und den reichen westeuropäischen Ländern, wenn man als Indikator das durchschnittliche Einkommen pro Kopf nimmt. Polen, Tschechien und die Slowakei kommen gut voran, die Slowakei ist sogar in der Eurozone. Bulgarien und Rumänien sind noch immer sehr arm, und Ungarn ist ein Fall für sich unter der Orban-Regierung.

Reden wir über die Wirkungen der Globalisierung, so muss allerdings auch immer gefragt werden, zu welchen Kosten die Länder ihren wirtschaftlichen Erfolg erreicht haben: Gab es Umweltzerstörung, Kinderarbeit, gesundheitsgefährdende Arbeitsbedingungen? Für alles gibt es Belege, aber Bhagwati zitiert in seinem Buch auch zahlreiche Studien, wonach die Globalisierung etwa der Stärkung von Frauenrechten oder der Verringerung von Kinderarbeit diente.

Vorsichtig sollte man bei der Betrachtung des Einkommens allerdings mit dem Begriff der Ausbeutung sein. Wenn ein Bauer in Vietnam mit seinem Feld kaum seine Familie ernähren kann, er aber nun Turnschuhe näht und seinen Kindern den Schulbesuch ermöglichen kann, so geht es ihm deutlich besser. Maßstab für die Bewertung von Ausbeutung darf also nicht der Tariflohn in der deutschen Schuhindustrie sein oder dass der Fabrikbesitzer reich geworden ist oder Adidas sich mit den Lizenzeinnahmen die Taschen füllt. Wenn aber die Kinder des Bauern Turnschuhe nähen müssen, damit die Familie nicht verhungert, würde ich schon von Ausbeutung sprechen.

Es ist übrigens typisch für Entwicklungsprozesse, dass die Ungleichheit zunächst anwächst und später wieder nachlässt. Das zeigt sich auch in entwickelten Industriestaaten. Zum Beginn eines jeden Konjunkturaufschwungs steigt die Ungleichheit, weil zunächst Kapitalbesitzer von steigenden Gewinnen profitieren, bevor dann die Löhne ansteigen. Wir haben das in den Deutschland in den vergangenen Jahren auch erlebt.

Und was ist mit den ärmsten Ländern, sind sie die Opfer der Globalisierung und deshalb so arm? Meine Antwort ist in klares Nein. Sie können kein Opfer der Globalisierung sein, da sie überhaupt nicht in den Weltmarkt eingebunden sind. Insbesondere Afrika ist stark marginalisiert in der Weltwirtschaft. Gefragt sind von dort nur Rohstoffe, von deren Wert meist nicht viel im Land bleibt. Warum macht die internationale Arbeitsteilung nun einen Bogen um Afrika und Teile Lateinamerikas? Hindernisse sind meist eine unsichere politische Situation, Korruption, Kriege und teilweise kulturelle Hindernisse.

Schließlich ist in vielen Ländern die Rolle der Eliten zu hinterfragen, die oftmals gar kein Interesse an der Entwicklung ihres Landes zeigen. Vieles von dem aufgezeigten ist durch die Kolonialisierung durch europäische Mächte bedingt. Aber man kann sich mehr als 60 Jahre nach der Unabhängigkeit nicht mehr auf diesem Argument ausruhen. Zudem verkaufen die korrupten Eliten in vielen afrikanischen Staaten gerade ihre Länder regelrecht an China, während sie antikolonialistische Propaganda dreschen wie in Zimbabwe. China re-kolonialisiert solche Länder, um Rohstoffe zu erhalten und Zugriff auf Agrarflächen zu bekommen. Außerdem stellt Peking keine Fragen in Sachen Menschenrechte und hat keine kritische Öffentlichkeit zu Hause, die sich mit dem Verhalten der Regierung beschäftigt. Also so wie wir hier gerade beispielsweise.

Teil 3 folgt, hier geht es zu Teil 1

 

 

 

 

 

 

 

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