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Die neue Globalisierung – Und warum wir nicht vor ihrem Ende stehen (Teil 1)

19. April 2019

Steht die Globalisierung angesichts von „America first“ und dem Brexit vor dem Ende? Mit dieser Fragestellung habe ich mich in einem Vortrag in der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) in Greifswald am 15. April 2019 beschäftigt. Ich habe darin hergeleitet, was unter Globalisierung im ökonomischen Sinne zu verstehen ist, welche Auslöser und Wirkungen zu beobachten sind. Mein Fazit: Die Globalisierung, so wie wir sie unter US-Führung kennen, endet. Aber die Globalisierung geht weiter, aber eben anders. Und ich habe auch erläutert, was der Verzicht auf diese neue Globalisierung implizieren könnte für Wohlstand, Freiheit und Frieden. Nachfolgend wird der Vortrag dokumentiert:

 

1. Einleitung/Begrüßung
Herzlichen Dank für die freundliche Begrüßung.
Greifswald ist ein guter Ort, um über das Thema Globalisierung zu sprechen und zu diskutieren. Denn die Stadt trägt wie Bremen oder Lübeck mit Stolz den Titel einer Hansestadt. Die Hanse war in der frühen Neuzeit ein Städtebündnis, das den Handel förderte und ihren Mitgliedern zu Wohlstand verhalf. In Greifswald sieht man dies noch anhand der schönen Bürgerhäuser und mächtigen Backsteinkirchen.
Ich will aber nicht über die Hanse sprechen, und auch nicht über die Geschichte von Greifswald. Aber, die Hanse war angesichts der beschränkten Kommunikations- und Transportmittel ihrer Zeit wirtschaftlich unglaublich erfolgreich – und in gewisser Weise ein Vorläufer dessen, was wir heute Globalisierung nennen.
(Kurz ein Wort zu meiner Person: Ich habe Volkswirtschaft studiert an der Universität Göttingen und arbeite als Finanzjournalist bei der Börsen-Zeitung in Frankfurt, jedenfalls noch. Während meines Studiums, in dem ich einen Schwerpunkt auf internationale Wirtschaftsbeziehungen gelegt habe, wurde Globalisierung zum Modewort. Warum das so war, darauf komme ich später zurück. Jedenfalls hat mich das Thema nicht mehr losgelassen – und ich freue mich heute Abend darüber sprechen zu dürfen.)
Zunächst möchte ich erklären, was im ökonomischen Sinn als Globalisierung zu verstehen ist. Darauf soll eine Einschätzung der Wirkung der Globalisierung folgen, bevor ich mich kritisch mit der Globalisierung und den Globalisierungskritikern auseinander setze. Außerdem möchte ich auf das Thema Finanzmärkte eingehen, mit dem ich beruflich viel zu tun habe.
Darauf folgend möchte ich auf die Kernfrage des heutigen Abends eingehen: Erleben wir durch den Brexit oder Donald Trump ein Ende der Globalisierung. Daraus folgt die Frage, was danach kommen könnte – und ob wir das wirklich wollen? Zum Ausblick möchte ich dann ein paar Gedanken skizzieren, wie die Globalisierung gerechter gestaltet werden könnte.

2. Ein Selbsttest: Wie globalisiert sind wir eigentlich?
Eingangs hatte ich schon angedeutet, dass ich insbesondere über die wirtschaftliche Dimension der Globalisierung sprechen möchte. Es gibt aber auch eine politische, kulturelle und soziologische Ebene. Denn Globalisierung ist keine Theorie, sondern ist jederzeit Teil unseres Alltags.
Machen wir also alle kurz den Selbsttest: Wie globalisiert bin ich eigentlich? Dazu ein paar Fragen. Bitte die Hand heben:

  • Wer nutzt Produkte von Apple, Samsung oder Huawei?
  • Wer chattet mit Freundinnen und Freunden mittels Skype oder Whatsapp über die deutschen Grenzen hinweg?
  • Wer mag Mangas?
  • Wer isst das ganze Jahr über frisches Obst und Gemüse?
  • Wer hat im Ausland studiert oder ein Praktikum gemacht?
  • Wer verfolgt das Geschehen um US-Präsident Trump?
  • Wer legt privat was für das Alter zur Seite?
  • Wer schaut gern US-Serien auf Neflix?
  • Wer hat sich kürzlich erst wieder über die Sonderangebote an Haushaltswaren oder Werkzeug bei Aldi gefreut?

3. Der Begriff Globalisierung
Eben habe ich es schon angedeutet, dass es verschiedene Ebenen der Globalisierung gibt: wirtschaftlich, politisch, kulturell und soziologisch. Ich möchte mich hier auf zunächst auf die wirtschaftlichen Aspekte konzentrieren und Globalisierung als ökonomisches Phänomen beschreiben und auf seine Bestimmungsgründe eingehen. Auf politisch/soziologische Faktoren komme ich später zurück.
Zu bedenken ist auch, dass Globalisierung in der öffentlichen Debatte ein Kampfbegriff wie Kapitalismus oder Neoliberalismus ist – und in diesem Kontext viel, um es zurückhaltend zu sagen, an Unschärfe bekommt.
Was heißt nun wirtschaftliche Globalisierung. Ich orientiere mich an der Definition des Ökonomen Jagdish Bhagwati, der an der Columbia University in NYC lehrt und das Buch „In Defense of Globalization“ geschrieben hat. Er beschreibt Globalisierung als die „Integration nationaler Volkswirtschaften in die Weltwirtschaft durch Handel, Direktinvestitionen, kurzfristige Kapitalflüsse sowie den internationalen Fluss von Arbeitskräften und Technologie sowie von humanitärer Hilfe“.
Vielleicht zur Frage was der Unterschied zwischen Direktinvestitionen und kurzfristigen Kapitalflüssen ist. Eine Direktinvestition ist es, wenn Siemens eine Fabrik in Brasilien baut, also langfristig unternehmerisch aktiv wird. Kurzfristige Kapitalflüsse sind Anlagen in Wertpapieren anderer Länder, also Aktien oder Anleihen. Meine Pensionskasse kauft also vielleicht eine Anleihe, mit der sich ein Unternehmen in Brasilien Geld leiht um eine Fabrik zu bauen – und um mir eine Rendite zahlen zu können. Wird die Lage in Brasilien als zu riskant eingestuft, verkauft meine Pensionskasse die Anleihe wieder. Wenn viele das machen, wird es ein Problem für das Land. Ich komme auch auf diese Thematik später zurück.
Schließlich ist Globalisierung kein neues Phänomen, ich sprach schon davon im Kontext der Hanse, aber denken wir beispielsweise an den weltweiten Handel der Spanier, Briten oder Niederländer im 17. und 18. Jahrhundert.
Auf jeden Fall meint Globalisierung zunehmende Integration zwischen nationalen Volkswirtschaften. Dies zeigt sich insbesondere am wachsenden Handel zwischen Staaten, der auch sonst zu einem wachsenden Austausch beiträgt – nicht umsonst wird die Europäische Union, die als Freihandelszone gestartet ist, auch als Friedensprojekt bezeichnet.
Neben dem Handel ist ein Bestandteil der Globalisierung, dass Unternehmen zunehmend grenzüberschreitend tätig sind, sie nutzen Wettbewerbsvorteile an verschiedenen Standorten aus. Sie investieren dort, wo ihr Kapital die höchste Rendite abwirft.
Im Kern geht es – wirtschaftstheoretisch gesprochen – um die internationale Arbeitsteilung. Jeder macht, was er im Verhältnis am Besten kann. So kann unter Einsatz der vorhandenen Ressourcen am meisten produziert werden, so dass der Wohlstand insgesamt steigt. Die Verteilung des entstandenen höheren Wohlstandes steht auf einem anderen Blatt Papier, da gibt es erheblich Differenzen.

Insofern ist die Globalisierung in doppelter Hinsicht nicht neu: Kapital strebt immer zum Ort der höchsten Rendite, und der Handel hat sich schon seit Jahrhunderten ausgeweitet. Ich nannte die Hanse, aber es gab zu dieser Zeit auch schon Fernhandel bis China, und in dieser Zeit waren die Araber eine führende Handelsmacht.
Aber auch die Zeit um das Jahr 1900 war sehr globalisiert, durch den Ersten Weltkrieg brach dieses System zusammen, die Folgen kennen wir. Das, was wir heute als Globalisierung bezeichnen, setzte aus den Erfahrungen der 1930er-Jahre nach 1945 ein und erhielt ab 1989 einen weiteren Schub. Spätestens seit der globalen Finanzkrise der Jahre 2008/2009 und der daraus folgenden Euro-Staatsschuldenkrise verschärfte sich die Kritik an der Globalisierung.
Zugleich besitzt der Freihandel für Deutschland eine überragende Bedeutung. Knapp die Hälfte der deutschen Wirtschaftsleistung resultiert aus internationaler Verflechtung, insbesondere in Europa. Wichtigster Handelspartner ist Frankreich, bedeutsam sind außerdem die Niederlande und zunehmend Polen. Außerhalb Europas handelt Deutschland, wenig überraschend, vor allem mit den beiden größten Wirtschaftsmächten USA und China sowie der Nummer drei Japan. Deutschland steht in dieser Reihenfolge auf Platt 4, wobei die Europäische Union mit ihrem Binnenmarkt der größte Wirtschaftsblock der Welt und größer als China und die USA ist.

(Teil 2 folgt)

 

Stefan Schaaf, April 2019

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