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Die neue Globalisierung – Und warum wir nicht vor ihrem Ende stehen (Teil 1)

Steht die Globalisierung angesichts von „America first“ und dem Brexit vor dem Ende? Mit dieser Fragestellung habe ich mich in einem Vortrag in der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) in Greifswald am 15. April 2019 beschäftigt. Ich habe darin hergeleitet, was unter Globalisierung im ökonomischen Sinne zu verstehen ist, welche Auslöser und Wirkungen zu beobachten sind. Mein Fazit: Die Globalisierung, so wie wir sie unter US-Führung kennen, endet. Aber die Globalisierung geht weiter, aber eben anders. Und ich habe auch erläutert, was der Verzicht auf diese neue Globalisierung implizieren könnte für Wohlstand, Freiheit und Frieden. Nachfolgend wird der Vortrag dokumentiert:

 

1. Einleitung/Begrüßung
Herzlichen Dank für die freundliche Begrüßung.
Greifswald ist ein guter Ort, um über das Thema Globalisierung zu sprechen und zu diskutieren. Denn die Stadt trägt wie Bremen oder Lübeck mit Stolz den Titel einer Hansestadt. Die Hanse war in der frühen Neuzeit ein Städtebündnis, das den Handel förderte und ihren Mitgliedern zu Wohlstand verhalf. In Greifswald sieht man dies noch anhand der schönen Bürgerhäuser und mächtigen Backsteinkirchen.
Ich will aber nicht über die Hanse sprechen, und auch nicht über die Geschichte von Greifswald. Aber, die Hanse war angesichts der beschränkten Kommunikations- und Transportmittel ihrer Zeit wirtschaftlich unglaublich erfolgreich – und in gewisser Weise ein Vorläufer dessen, was wir heute Globalisierung nennen.
(Kurz ein Wort zu meiner Person: Ich habe Volkswirtschaft studiert an der Universität Göttingen und arbeite als Finanzjournalist bei der Börsen-Zeitung in Frankfurt, jedenfalls noch. Während meines Studiums, in dem ich einen Schwerpunkt auf internationale Wirtschaftsbeziehungen gelegt habe, wurde Globalisierung zum Modewort. Warum das so war, darauf komme ich später zurück. Jedenfalls hat mich das Thema nicht mehr losgelassen – und ich freue mich heute Abend darüber sprechen zu dürfen.)
Zunächst möchte ich erklären, was im ökonomischen Sinn als Globalisierung zu verstehen ist. Darauf soll eine Einschätzung der Wirkung der Globalisierung folgen, bevor ich mich kritisch mit der Globalisierung und den Globalisierungskritikern auseinander setze. Außerdem möchte ich auf das Thema Finanzmärkte eingehen, mit dem ich beruflich viel zu tun habe.
Darauf folgend möchte ich auf die Kernfrage des heutigen Abends eingehen: Erleben wir durch den Brexit oder Donald Trump ein Ende der Globalisierung. Daraus folgt die Frage, was danach kommen könnte – und ob wir das wirklich wollen? Zum Ausblick möchte ich dann ein paar Gedanken skizzieren, wie die Globalisierung gerechter gestaltet werden könnte.

2. Ein Selbsttest: Wie globalisiert sind wir eigentlich?
Eingangs hatte ich schon angedeutet, dass ich insbesondere über die wirtschaftliche Dimension der Globalisierung sprechen möchte. Es gibt aber auch eine politische, kulturelle und soziologische Ebene. Denn Globalisierung ist keine Theorie, sondern ist jederzeit Teil unseres Alltags.
Machen wir also alle kurz den Selbsttest: Wie globalisiert bin ich eigentlich? Dazu ein paar Fragen. Bitte die Hand heben:

  • Wer nutzt Produkte von Apple, Samsung oder Huawei?
  • Wer chattet mit Freundinnen und Freunden mittels Skype oder Whatsapp über die deutschen Grenzen hinweg?
  • Wer mag Mangas?
  • Wer isst das ganze Jahr über frisches Obst und Gemüse?
  • Wer hat im Ausland studiert oder ein Praktikum gemacht?
  • Wer verfolgt das Geschehen um US-Präsident Trump?
  • Wer legt privat was für das Alter zur Seite?
  • Wer schaut gern US-Serien auf Neflix?
  • Wer hat sich kürzlich erst wieder über die Sonderangebote an Haushaltswaren oder Werkzeug bei Aldi gefreut?

3. Der Begriff Globalisierung
Eben habe ich es schon angedeutet, dass es verschiedene Ebenen der Globalisierung gibt: wirtschaftlich, politisch, kulturell und soziologisch. Ich möchte mich hier auf zunächst auf die wirtschaftlichen Aspekte konzentrieren und Globalisierung als ökonomisches Phänomen beschreiben und auf seine Bestimmungsgründe eingehen. Auf politisch/soziologische Faktoren komme ich später zurück.
Zu bedenken ist auch, dass Globalisierung in der öffentlichen Debatte ein Kampfbegriff wie Kapitalismus oder Neoliberalismus ist – und in diesem Kontext viel, um es zurückhaltend zu sagen, an Unschärfe bekommt.
Was heißt nun wirtschaftliche Globalisierung. Ich orientiere mich an der Definition des Ökonomen Jagdish Bhagwati, der an der Columbia University in NYC lehrt und das Buch „In Defense of Globalization“ geschrieben hat. Er beschreibt Globalisierung als die „Integration nationaler Volkswirtschaften in die Weltwirtschaft durch Handel, Direktinvestitionen, kurzfristige Kapitalflüsse sowie den internationalen Fluss von Arbeitskräften und Technologie sowie von humanitärer Hilfe“.
Vielleicht zur Frage was der Unterschied zwischen Direktinvestitionen und kurzfristigen Kapitalflüssen ist. Eine Direktinvestition ist es, wenn Siemens eine Fabrik in Brasilien baut, also langfristig unternehmerisch aktiv wird. Kurzfristige Kapitalflüsse sind Anlagen in Wertpapieren anderer Länder, also Aktien oder Anleihen. Meine Pensionskasse kauft also vielleicht eine Anleihe, mit der sich ein Unternehmen in Brasilien Geld leiht um eine Fabrik zu bauen – und um mir eine Rendite zahlen zu können. Wird die Lage in Brasilien als zu riskant eingestuft, verkauft meine Pensionskasse die Anleihe wieder. Wenn viele das machen, wird es ein Problem für das Land. Ich komme auch auf diese Thematik später zurück.
Schließlich ist Globalisierung kein neues Phänomen, ich sprach schon davon im Kontext der Hanse, aber denken wir beispielsweise an den weltweiten Handel der Spanier, Briten oder Niederländer im 17. und 18. Jahrhundert.
Auf jeden Fall meint Globalisierung zunehmende Integration zwischen nationalen Volkswirtschaften. Dies zeigt sich insbesondere am wachsenden Handel zwischen Staaten, der auch sonst zu einem wachsenden Austausch beiträgt – nicht umsonst wird die Europäische Union, die als Freihandelszone gestartet ist, auch als Friedensprojekt bezeichnet.
Neben dem Handel ist ein Bestandteil der Globalisierung, dass Unternehmen zunehmend grenzüberschreitend tätig sind, sie nutzen Wettbewerbsvorteile an verschiedenen Standorten aus. Sie investieren dort, wo ihr Kapital die höchste Rendite abwirft.
Im Kern geht es – wirtschaftstheoretisch gesprochen – um die internationale Arbeitsteilung. Jeder macht, was er im Verhältnis am Besten kann. So kann unter Einsatz der vorhandenen Ressourcen am meisten produziert werden, so dass der Wohlstand insgesamt steigt. Die Verteilung des entstandenen höheren Wohlstandes steht auf einem anderen Blatt Papier, da gibt es erheblich Differenzen.

Insofern ist die Globalisierung in doppelter Hinsicht nicht neu: Kapital strebt immer zum Ort der höchsten Rendite, und der Handel hat sich schon seit Jahrhunderten ausgeweitet. Ich nannte die Hanse, aber es gab zu dieser Zeit auch schon Fernhandel bis China, und in dieser Zeit waren die Araber eine führende Handelsmacht.
Aber auch die Zeit um das Jahr 1900 war sehr globalisiert, durch den Ersten Weltkrieg brach dieses System zusammen, die Folgen kennen wir. Das, was wir heute als Globalisierung bezeichnen, setzte aus den Erfahrungen der 1930er-Jahre nach 1945 ein und erhielt ab 1989 einen weiteren Schub. Spätestens seit der globalen Finanzkrise der Jahre 2008/2009 und der daraus folgenden Euro-Staatsschuldenkrise verschärfte sich die Kritik an der Globalisierung.
Zugleich besitzt der Freihandel für Deutschland eine überragende Bedeutung. Knapp die Hälfte der deutschen Wirtschaftsleistung resultiert aus internationaler Verflechtung, insbesondere in Europa. Wichtigster Handelspartner ist Frankreich, bedeutsam sind außerdem die Niederlande und zunehmend Polen. Außerhalb Europas handelt Deutschland, wenig überraschend, vor allem mit den beiden größten Wirtschaftsmächten USA und China sowie der Nummer drei Japan. Deutschland steht in dieser Reihenfolge auf Platt 4, wobei die Europäische Union mit ihrem Binnenmarkt der größte Wirtschaftsblock der Welt und größer als China und die USA ist.

(Teil 2 folgt)

 

Stefan Schaaf, April 2019

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Brunnermeier verteidigt ESBies – Taskforce schlägt drei Tranchen vor

Zwischendurch gibt es sogar Lob für Prof. Sinn, den „Entdecker“ der Target-Salden. Ansonsten verteidigt Markus Brunnermeier während seines Vortrags beim ifo-Institut in München das Konzept der European Safe Bonds (ESBies), die bei Ratingagentur S&P auf wenig Zustimmung stoßen. Dazu erschien hier auf dem Blog ein Beitrag.

Wer den dicken Euro-Wälzer von Brunnermeier et. al. nicht lesen möchte (er ist wirklich lesenswert), der kann sich in gut 45 Minuten von Brunnermeier auf Youtube die wesentlichen Gedanken insbesondere im Hinblick auf die divergierenden ökonomischen Schulen in Deutschland und Frankreich anschauen.

Hier geht es zum Youtube-Video „Euro – Der Kampf der Wirtschaftskulturen“.  Von dort lässt es sich auch weiterklicken zur Diskussion. (Unbedingt den Gesichtsausdruck von ifo-Boss Fuest beobachten, während sein Vorgänger Sinn vom „bankrotten französischen Hinterland“ am Mittelmeer spricht.)

Und wer es noch kürzer möchte, der möge nach unten scrollen. Dort findet sich meine Kurzzusammenfassung des Buches – und warum Keynesianer und Ordoliberale einander brauchen. (Oder einfach klicken)

Inzwischen steht mit einem Jahr Verspätung wohl auch der Bericht einer Taskforce zum Thema im Rahmen des ESRB kurz vor der Veröffentlichung. Demnach werden nicht zwei, wie Brunnermeier vorgeschlagen hat, sondern drei Tranchen von ESBies aufgelegt. Details hat Bloomberg.

Stefan Schaaf, Januar 2018

Zu wenig Diversifikation – Warum S&P nichts von ESBies hält

Befürworter verbriefter europäischer Staatsanleihen können wohl nicht auf Rückenwind der Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) hoffen. Dass er von so genannten European Safe Bonds (ESBies) nicht viel hält, machte deren Europa-Chef für Länderratings, Moritz Krämer, kürzlich auf einer Konferenz in Berlin klar.

Ich will nun nicht in die ESBies-Diskussion einsteigen an dieser Stelle, sondern nur kurz die für die Idee nicht unwichtige Sicht von S&P umreißen. Es geht um Pakete von Staatsanleihen der Eurozone, die je nach Kapitalanteil der Mitgliedsstaaten an der EZB gebündelt werden. Auf diese strukturierten Portfolien sollen verbriefte Anleihen begeben werden. Die Hoffnung ist, einen liquiden Markt mit hoher Bonität zu schaffen und zugleich die enge Verbindung zwischen Staaten und Banken aufzubrechen. Eine sehr gute Beschreibung von ESBies hat Gerald Braunberger für den Fazit-Blog verfasst. [Zum Blog-Beitrag]

Krämer hat bei der TSI-Konferenz in Berlin jedoch hinter Hoffnungen auf ein hohes Rating ein Fragezeichen gesetzt. Grund dafür: fehlende Kleinteiligkeit eines ESBies-Portfolios, in dem rund ein Viertel italienische Staatsanleihen mit eher schwacher Bonität zusammen kämen. „Es gibt keine nenneswerte Diversifikation und eine hohe Korrelation der im Portfolio enthaltenen Papiere“, sagte er. Wenn etwas in der Eurozone passiere, dann schlage dies auf das gesamte Portfolio durch – „nicht ideal“, meint Krämer. Er bezeichnete ESBies als „Eurobonds ohne Transfer von Nord- nach Südeuropa“. Die Protagonisten, darunter Ökonom Markus Brunnermeier (vorhergehender Beitrag), versuchten die Quadratur des Kreises, „und das ist selten gelungen“.

Deutsch-französische Projektbonds

An diesem Wochenende hat nun der CDU-Politiker Norbert Röttgen in einem Reuters-Interview deutsch-französische Projektbonds vorgeschlagen. Man darf gespannt sein, wie dies in Politik, Märkten und bei den Ratingagenturen aufgenommen wird. [Zur Reuters-Meldung]

Stefan Schaaf, Oktober 2017

Ein Buch für Europa – Oder warum Ordoliberale und Keynesianer einander brauchen

Deutschland und Frankreich haben die Chance Europa voranzubringen und den Euro – endlich – stabil zu machen. Der Wille scheint nach den Präsidentschaftswahlen in Frankreich in beiden Regierungen groß zu sein. Dazu ist aber ein besseres Verständnis des ökonomischen Denkens der jeweils anderen Seite nötig.

Einen Versuch, deutsche Ordoliberale und französische Keynesianer ins Gespräch zu bringen, unternehmen Markus K.  Brunnermeier, Harold James und Jean-Piere Landau mit „The Euro and the Battles of Ideas“. Neben einer ausführlichen Erläuterung der Genese und Bekämpfung der europäischen Staatsschuldenkrise, verbunden mit theoretischen Blöcken über Leistungsbilanzen, optimale Währungsräume etc., ist ihr Buch vor allem eine Auseinandersetzung mit unterschiedlichen ökonomischen Traditionen auf beiden Seiten des Rheins.

Cover_Euro-Buch

Die Autoren sind dabei wohltuend schonungslos – etwa im Hinblick auf die Konstruktionsfehler des Euro – wie auch wohltuend konstruktiv im Hinblick auf dessen Stabilisierung und Weiterentwicklung. Sie heben sich damit angenehm von jenem Weltuntergangs-Ramschtisch-Populismus ab, der in Deutschland oft in die Buchläden kommt.

Zu Jahresbeginn begannen viele an der Zukunft Europas und seiner Gemeinschaftswährung zu verzweifeln, der Autor dieses Blogs eingeschlossen. Mit der Wahl von Emmanuelle Macron zum französischen Präsidenten ist jedoch alles anders, Hoffnung kehrt nach Europa zurück, begleitet von einem vor zwei, drei Jahren noch unvorstellbaren Konjunkturaufschwung von Finnland bis Portugal. (Ok, Griechenland ausgenommen. Die Komplexität des Themas erfordert aber einen eigenen Beitrag.)

Das Buch ist der perfekte Begleiter für die Renaissance Europas. Wollen der visionäre Macron und die machterprobte Angela Merkel tatsächlich einen großen Schritt machen, so sollten sie „The Euro and the Battle of Ideas“ unbedingt lesen, damit sie nicht aneinander vorbei reden. Denn wie die Autoren feststellen, werden in Europa oft Dokumente unterschrieben, die vage sind und in die jede Seite ihre Sicht der Welt hineininterpretiert. Sie arbeiten dies insbesondere an den divergierenden ökonomischen Traditionen beider Länder heraus, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt haben. Hier die deutsche regelbasierte Ökonomie, die im Ordoliberalismus bzw. der Ordungspolitik ihren Ausdruck findet. Dort die stark keynesianisch-interventionistische Politik Frankreichs, die zu fiskalischem Aktionismus neigt, wo Deutschland auf die Einhaltung der Regeln pocht, um Nachahmer abzuschrecken und einen Moral Hazard zu verhindern.

Anstatt die eine von der anderen Seite überzeugen zu wollen, arbeiten die Autoren die Ursachen für diese Divergenzen heraus und finden Sie in Zentralismus versus Förderalismus. Deutschland brauchte wegen seiner stark förderalen Struktur (der einzige Versuch von Zentralismus endete im Desaster) immer strenge Regeln, während das zentralistische Frankreich sich ein geringeres Maß an Regelgebundenheit „leisten“ konnte. So letztlich die Kernthese. Ökonomische Denkschulen sind dann nur die Ableitung aus historischen Erfahrungen.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass vage Kompromisse nicht helfen werden Europa voranzubringen, weil jede Seite darin nur wieder ihre Sicht der Welt darin sehen wird. Notwendig wird Bewegung auf beiden Rheinseiten sein und die Bereitschaft, aus der Tradition des anderen zu lernen und Teile davon zu übernehmen. Und hier liegt der wichtige konstruktive Part des Buches. Brunnermeier et. al. zeigen nämlich auf, dass beide Denkschulen durch Elemente der anderen bereichert werden können und dies zu besseren Ergebnissen in der Gestaltung von Fiskal- und Geldpolitik führt. Regeln brauchen in Krisensituationen interventionistische Elemente – und Interventionismus braucht Regeln, um nicht aus dem Ruder zu laufen.

Oder wie die Autoren in ihrem Schlussatz schreiben: „In Short, we have characterised as the German view and the French view actually need each other to be sustainable.”

„The Euro and the Battle of Ideas“ ist für politisch-ökonomisch Interessierte eine perfekte Lektüre für den Urlaub irgendwo in Europa. Und keine Sorge: Die drei Autoren (ein Deutscher, ein Franzose, ein Brite) schreiben ein gut leserliches internationales Englisch, dass deutlich einfacher zu lesen ist als etwa das sehr sophisticated daherkommende britische Englisch in Martin Wolfs ebenfalls lesenswerten Finanzkrisenbuch „The Shifts and the Shocks“.

Und falls jemand fragen möchte. Nein, meine Ausgabe ist im Moment nicht zu haben. Sie ist verliehen und reist in Kürze nach Italien. Der Preis von 27,99 Euro (bei Amazon) ist für das rund 400 Seiten starke Werk angemessen.

Stefan Schaaf, Juli 2017

 

Nicht genug von allem – Warum die EZB ihre Kaufregeln wird ändern müssen

Will die EZB ihr Anleihekaufprogramm verlängern oder gar ausweiten, so wird sie um eine Änderung der Regeln nicht umhin kommen. Zwar gibt es genügend Euro-Anleihen zum Kauf, aber eben nicht genug von allen.

 

Für 80 Mrd Euro kauft die Europäische Zentralbank (EZB) jeden Monat Anleihen am Markt auf und drückt damit die Realzinsen. Es soll hier nicht um die Sinnhaftigkeit der Käufe gehen, es gibt Gründe dafür und Gründe dagegen. Klar ist allerdings, egal ob die Notenbank das Programm verlängert, ausweitet, beides tut oder im Zuge eines Tapering in geringerem Umfang auslaufen lässt, sie wird über eine andere Zusammensetzung der Käufe und eine Änderung der Regeln nicht umhinkommen.

Dabei ist grundsätzlich genügend Material für weiterhin umfangreiche Käufe dar. Das zeigen Daten aus einer Präsentation von J.P. Morgan Asset Management.

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Demnach kann die Notenbank aus einem Pool von 7700 Mrd. Euro an Bonds auswählen. Die Summe ergibt sich aus verfügbaren Corporates und Euro-Staatsanleihen, also der rechten Säule der linken Grafik und der linken Säule der rechten Grafik. Bei monatlichen Käufen von 80 Mrd. Euro ist demnach theoretisch Material für gut 96 Monate vorhanden. Die Marktliquidität und der Anlagenotstand vieler Investoren wird allerdings dafür sorgen, dass nicht alles kaufbar ist.

Die größte Hürde liegt aber im Länderschlüssel. Bislang kauft die EZB nach dem Kapitalschlüssel ihrer Mitglieder nationale Bonds. Gut ein Viertel der Käufe entfällt somit auf Deutschland. Und hier liegt der Engpass, denn die zur Verfügung stehende Menge an Bundesanleihen schrumpft kräftig. Wegen der Operation „schwarze Null“ baut der deutsche Staat derzeit netto Schulden ab, womit auch das Volumen ausstehender Bundesanleihen schrumpft. Medienberichten zufolge stoßen inzwischen auch die Käufe von Covered Bonds ebenfalls an ihre Grenzen.

Will die EZB ihr Programm also in irgendeiner Form über das bislang beschlossene hinaus ausweiten, und sei es nur im Zuge eines Tapering langsam über März 2017 hinaus abschmelzen, so wird sie ihre Regeln ändern müssen. Es gibt zwar genug Masse, aber eben nicht genug von allem.

Man darf gespannt sein, welche Fantasie die EZB entwickeln wird um die Regeln mandatsgerecht zu flexibilisieren.

Stefan Schaaf, November 2016

 

 

Grenzen der Geldpolitik: Online-Schnäppchenjäger verursachen Minizinsen

Schnäppchenjäger im Internet könnten die (nominalen) Mini-Zinsen mitverursachen. Trifft eine entsprechende Studie zu, dann müssten die Notenbanken ihre Inflationsziele überdenken und könnten die Geldpolitik schon jetzt straffen.
„Enteignung“ schallt es den Notenbanken entgegen, weil sie Zinsen erst auf null gesenkt und dann auch noch mittels Anleihekäufen die langfristigen Zinsen drücken. Zwar ist die Welt real betrachtet gar nicht so viel anders als früher, als es bei einer Inflationsrate von 2% auf das Sparbuch 2,5 bis 3% Zinsen gab. Dennoch bleibt das Gefühl des Wertverlustes des Ersparten. Grund dafür sind neben den Nachwirkungen der Finanzkrise in Form einer ultralocker-unkonventionellen Geldpolitik der Spareifer der Menschen. Das Angebot an Geld ist einfach zu groß in einer alternden und deshalb tendenziell wachstumsarmen Volkswirtschaft wie der deutschen.
Die lockere Geldpolitik ist wiederum eine Reaktion auf extrem niedrige Inflationsraten. Bei 2% sehen viele Notenbanken Geldwertstabilität gegeben, weshalb sie aus allen Rohren feuern und hoffen die Inflation hochtreiben zu können.
Möglicherweise sind die 2% aber viel zu hoch gesetzt. Sie stammen aus der alten analogen Welt mit begrenzter Preistransparenz. Doch in der digitalen Welt ist es anders, es herrscht fast wie im ökonomischen Lehrbuch vollkommene Konkurrenz. Darauf weist eine Untersuchung der Fondsgesellschaft M&G Investment hin: weil nämlich immer mehr Verbraucher im Internet shoppen und Preise vergleichen, wird der Markt transparenter. Der „stärkere Druck“ auf den Handel sei im Hinblick auf Inflationsraten „ein nicht zu vernachlässigendes gegensteuerndes Element“, heißt es. E-Commerce übe in bestimmten Branchen eine deflationäre Wirkung aus.

(Hier geht es zur M&G-Inflationsstudie.)

Da haben wir es: Die Verbraucher drücken im Internet die Inflationsrate. Und weil die Notenbanken mit ihren Inflationszielen noch nicht in dieser neuen Welt angekommen sind, drücken Sie Zinsen stärker als sie müssten. Pointe der Geschichte: Was die Verbraucher beim Internet-Einkauf sparen, geht ihnen bei der Geldanlage wieder flöten.
Und natürlich bin ich gespannt, ok es eine akademische Diskussion über Inflationsziele geben wird.
(Stefan Schaaf, Oktober 2015)

US-Anleihemarkt signalisiert Zinswende-Stress

Die jüngste Phase hoher Volatilität wurde vor allem am Aktienmarkt registriert. Wenig wahrgenommen, aber nicht weniger gefährlich für Anleger sind die Zeichen, die der US-Anleihemarkt aussendet.Zuletzt hat sich hier deutlicher Zinswende-Stress aufgebaut, auch wenn die jüngsten Arbeitsmarktdaten keine schnelle Zinswende erwarten lassen. Dennoch steigen dort die Risikoaufschläge für Unternehmensanleihen (Corporates) aktuell deutlich an. Den Hinweis dafür entnahm ich einer Präsentation der DekaBank.

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Demnach sind im Bereich von Corporates mit einet „BBB“-Bewertung, einem breiten und relativ liquiden Markt, die Spreads zuletzt deutlich angestiegen und waren so hoch wie zuletzt vor drei Jahren, also kurz nach Draghis „What ever it takes“-Rede. Mit anderen Worten, die Lage ist zwar nicht dramatisch, aber entscheidend ist die Tendenz. Sie deutet auf wachsendes Misstrauen der Investoren hin, wenn der Risikoaufschlag zum „sicheren“ Zins – in den USA in der Regel Treasuries – ansteigt.
Eine Zinswende würde den US-Corporate-Markt treffen. Denn viele US-Konzerne haben die niedrigen Zinsen genutzt zur billigen Schuldenabnahme und mit dem Geld eigene Aktien zurückgekauft. Steigen die Marktzinsen, so wird die Refinanzierung dieser Bonds teurer, die Bonität der Firmen sinkt. Diese Erwartung zeigt sich aktuell am Spreadanstieg.Der Markt sendet Signale für Zinserhöhungsstress aus.

Eine US-Zinsende, auch wenn sie unwahrscheinlicher geworden ist, wird auch die Aktionäre betreffen. Wenn US-Firmen höhere Zinsen bezahlen müssen, bleibt weniger Geld für die Aktionäre übrig.

(Stefan Schaaf, Oktober 2015)

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